Frischer Wind in den Wolken

Ralf Seidler
Ralf Seidler von Schwindt Digital ist vom Siegeszug von Cloud-Systemen auch im Mittelstand überzeugt

Geschrieben d1g1tal AGENDA 1/2021 Seite 97 ff

Cloud Computing ist ein sehr dynamisches Metier – technologisch und im Hinblick auf Nutzen und Anwendungen. Der Begriff sagt alles – oder eben nichts, weil sich ständig etwas ändert. Zum Beispiel bei der vierS Cloud von Schwindt.
Hintergrundgespräch mit Geschäftsführer Ralf Seidler von SCHWINDT DIGITAL GmbH aus Coburg.

Was sich der Leser allerdings merken sollte: Wenn es gut läuft, ist Cloud Computing so etwas wie Software aus der Steckdose: Die „Steckdose“ hält die Verbindung ins Internet parat, der „Stecker“ besteht aus der passenden URL und den zugehörigen Zugangsdaten. Und bei Schwindt ist das, was da rüberkommt, auch noch so günstig wie Strom (der freilich in Deutschland gar nicht so billig ist). 

Seit Beginn 2021 als „SCHWINDT DIGITAL GmbH“ firmierend, hat der renommierte Dassault-Systèmes-(DS-) Partner die Corona-Pandemie genutzt, um seine interne Cloudlösung für seine Kunden zu öffnen. Entstanden ist „vierS“ – Simple Smart Schwindt Solution –, die Komplettlösung für CRM, ERP und PLM. Sie wendet sich insbesondere an kleine und mittelständische Dienstleistungsunternehmen. 

vierS ist eine digitale Plattform, die ursprünglich auf der 3DExperience-Plattform von DS basierte und jetzt eine Schwindt-eigene Basis hat – mehr dazu später. Unternehmensdaten lassen sich an einer einzigen zentralen Stelle verwalten und zueinander in Beziehung setzen. Der Zugriff auf die Daten erfolgt durch anwendungsspezifische Apps per geräteunabhängigem Webbrowser – so, wie es sich heutzutage gehört. 

Während der Jahre zuvor wurde ein IT-Haussystem entwickelt, mit dem die Coburger insbesondere ein Ziel verfolgten: Es sollte ein Baukasten bereitgestellt werden, um 3DExperience zu fördern, indem Lösungen kreiert werden konnten, die out of the box nicht funktionierten. Customizing kam nicht in Frage; vielmehr wurden kundenindividuelle Apps erzeugt. Für Furore im Markt sorgte dann insbesondere die Tatsache, dass es gelang, mit vierS die gesamte Firmenstruktur von Schwindt abzubilden und auch Externen Zugriff auf ausgewählte Informationen zu gewähren. Das beeindruckte die eigene Kundenbasis mächtig – schließlich sind viele Firmen dabei, die ebenso groß sind wie die Coburger. 

Allerdings stand man vor der Herausforderung, dass zum Betrieb von vierS die 3DExperience-Plattform on demand benötigt wurde, was zu Problemen bei der Skalierung führte. DS hatte sich obendrein dafür entschieden, alle Neuentwicklungen zunächst nur aus der Cloud heraus als Software as a Service (SaaS) anzubieten und erst später auch als on prem. Dazu muss man wissen, dass sich bei SaaS keine eigenen Lösungen hinein programmieren lassen, es agiert wie ein geschlossenes System.

Systemneustart – wie beim PC 

Man hat sich daher entschieden, eine weitere Cloudlösung zu programmieren, die auf der Azure-Plattform von Microsoft läuft. Im Grunde genommen wurde der Unterbau von vierS, wenn man so will, neu geschaffen. Übrigens hat man dabei sehr viel zusätzliche Erfahrung gesammelt, die das Softwarehaus dazu angespornt hat, den Gold-Partner-Status von Microsoft anzustreben. Dieser Ritterschlag steht noch aus, sei aber nur eine Frage der Zeit, wie der geschäftsführende Gesellschafter Ralf Seidler uns versichert. Mit vierS ist schließlich eine Art App-Store entstanden. Zwischen beiden Cloudlösungen, vierS und 3DExpierence, wurde eine (IT-)Brücke errichtet, sodass nun Daten hin- und herfließen können. Dies machte DS Ende letzten Jahres möglich, indem seinen Partnern die entsprechenden Schnittstellen und Tool Kits zur Verfügung gestellt wurden. 

vierS ist ein professionelles Multi-Tenant-System, was bedeutet, dass jeder Kunde sich in einer gesicherten Umgebung in der Cloud bewegt. Durch ein flexibles Datenmodell lassen sich „Kundenanforderungen sehr schnell in arbeitsfähige Lösungen übersetzen“, so Seidler, der diesen Ansatz damit auf den Punkt bringt. 

Bis jetzt haben zwei Lösungen basierend auf vierS den Weg zum Anwender gefunden: Business Manager, der alles abdeckt, was mit CRM- und ERP-Funktionalität zu tun hat, sowie „Product Manager“ – diese Lösung öffnet das Tor zur 3DExperience-Welt. Ganz wichtig: Product Manager funktioniert auch ohne die 3DExperience-Plattform. Es hält Funktionen für die CAD-Visualisierung bereit, ermöglicht Augmented Reality und erlaubt in gewissem Umfang das Stücklisten-management. Der Kunde kann derzeit bei der Bereitstellung von Funktionen noch mitreden, wie Seidler betont, sodass ein großes Maß an Flexibilität geboten wird, wenn es darum geht, welche Daten wie in Beziehung gesetzt werden. Was bereits entstanden ist, ist ein beachtlich großes Netzwerk an Firmeninformationen, wobei Schwindt peinlich genau darauf achtet, dass jede Grundinformation nur ein einziges Mal abgelegt wird – die gute alte Single Source of Truth mit all ihren Vorzügen findet sich also auch bei vierS. 

DS baut Brücken innerhalb der Clouds und zur Bodenstation 

Die Frage nach der Integration verschiedener Cloudsysteme war in der Vergangenheit nicht so einfach zu beantworten. Doch ist hier durch das Aufkommen von iPaaS („Integration Platform as a Service“) viel Bewegung in die Thematik gekommen. Das US-amerikanische Marktforschungsunternehmen Gartner definiert iPaaS als eine Suite von Clouddiensten, die jede Kombination von lokalen und cloudbasierten Prozessen oder Diensten innerhalb einzelner Organisationen oder über mehrere Organisationen hinweg möglich macht. Daten und Anwendungen können unabhängig von ihrer zugrunde liegenden Infrastruktur miteinander zu integrierten Workflows verbunden werden. Eine zentrale Rolle spielen dabei APIs (Application Programming Interfaces), die Schnittstellen zu den verschiedenen Services bereitstellen. iPaaS bietet eine Sammlung von unterschiedlichen Zugriffsmöglichkeiten auf diverse Webservices, wie etwa REST für den Datenaustausch von Endgeräten (Machine-to-Machine (M2M) Communication). Damit verbunden ist ein Kommunikationsstandard, der seit vergangenem Jahr auch von DS unterstützt wird – eine bemerkenswerte Entwicklung, weil sie ein weiterer Ausdruck für die Öffnung des französischen PLM-Systemanbieters ist. Damit werden der Datentransfer und die Übersetzung für die verbundenen Systeme gesteuert. 

Breiter Zuspruch im Zielmarkt 

„Funktionalität, die begeistert, und ein attraktives Preismodell“: auf dieses Motto setzt Seidler bei der Vermarktung von vierS – und hat Erfolg: So gibt Birgit Partheymüller, CEO des Ingenieurbüros Innocept Engineering aus Kronach, zu Protokoll: „Ich wollte mein ganzes Unternehmen in einem System abgebildet sehen und mit dem Browser oder mobilen Endgerät auf die Unternehmensdaten Zugriff haben.“ Deshalb habe man sich für den Business Manager von vierS-Cloud entschieden. Das leuchtet ein. Außerdem: Schwindt ist für seine Erreichbarkeit bekannt – da gibt es nicht irgendeine Hotline, outgesourct ans andere Ende der Welt. Vertrauen und die Möglichkeit, auf Fragen schnell eine Antwort zu bekommen, seien gerade im Cloudgeschäft sehr wichtig, betont Seidler: „Die Lizenzkosten für den Arbeitsplatz sind unschlagbar günstig, und den Business Manager braucht eigentlich jeder.“ Beim Product Manager steht die Stücklistenverwaltung im Vordergrund, und es lassen sich Workflows verknüpfen. Damit geht eigentlich alles, was mit der 3DExperience Cloud nicht so ohne Weiteres geht, natürlich DSGVO-konform. Unser Gesprächspartner geht davon aus, dass auf Dauer etwa 20 Prozent der mittelständischen Kunden von Schwindt auf die 3DExpierence-Plattform migrieren werden. An den Rest wendet sich die vierS-Cloud, um den Digitalisierungskiller Excel endlich aus dem (Home-) Office zu vertreiben. Übrigens ist auch der PLM-Cloud-Influencer Michael Finocchiaro von vierS-Cloud angetan. Mehr zu seinen Einschätzungen und „Entmystifizierungen“ der 3DExperience Cloud in seinem Blog unter www.bettercallfino.com. (bv) 

www.schwindt.eu/produkte/viers-crm-erp-plm.html